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Die Regionale Route „Ruhrgebiet“

Schwerindustrie ist Schwerstarbeit: Nirgendwo in Europa wird das so deutlich wie im Ruhrgebiet. Das Revier erzählt die Geschichte von Kohle, Stahl und Menschen – eine Geschichte voller beispielloser Aufbrüche und gewaltiger Opfer. Eine Geschichte, in der unternehmerischer Wagemut zugleich himmelschreiendes Elend und stolzen Mannschaftsgeist erzeugt, in der giftige Gase und Staublungen ganze Städte zu Schicksalsgemeinschaften zusammenschweißen. Heute sind die Rauchwolken der Fabrikschlote verflogen. Sie hinterlassen so viele Industriedenkmäler wie nirgends sonst in Europa. Fördertürme und Maschinenhallen, Kokereien und Hochöfen machen die Vergangenheit lebendig und weisen als attraktive Erlebnisräume spannende Wege in die Zukunft.

Eigentlich existiert das Ruhrgebiet erst seit den 1930er Jahren – so jung ist der Begriff und mit ihm die überfällige Erkenntnis, die Region als Einheit zu begreifen. Zuvor war das Bild in den Köpfen unzusammenhängend. Es gab den Bereich südlich der Ruhr um Witten, Hattingen und Hagen. Nördlich davon, aufgereiht entlang der uralten Handelsstraße des Hellwegs, liegen Duisburg, Mülheim an der Ruhr, Essen, Bochum und Dortmund. Noch weiter nördlich fließt die Emscher. Mit ihr verbinden sich die Namen Oberhausen, Gelsenkirchen, Herne, Castrop-Rauxel und – schon etwas entfernter – Bottrop, Gladbeck und Recklinghausen. Bereits zur Randzone gehören Hamm und Marl mit Blick auf das benachbarte Münsterland. Den westlichen Abschluß bildet der Rhein mit Rheinberg, Moers und Kamp-Lintfort.

Innerhalb dieser Grenzen scheint alles wild durcheinander zu wuchern. Industrieanlagen, Arbeitersiedlungen, Kuhweiden, Vorstädte, Bahn- und Straßentrassen bilden ein verschachteltes, unvorhersehbares Gemenge. Und doch sieht das Ruhrgebiet beileibe nicht überall gleich aus: Seine Wachstumsschübe, heftig wie Vulkanausbrüche, haben ganz unterschiedliche Spuren hinterlassen.

Brennstoff der ungezügelten Industrialisierung ist die Steinkohle. In den Wäldern um Duisburg, Essen und Witten rücken ihr schon früh zahlreiche Kleinzechen zu Leibe – mit einfachen Mitteln und jeweils nur einer Handvoll Bergleuten. Denn hier liegt die Kohle nah an der Oberfläche. Ihre Qualität ist allerdings mäßig, sie landet überwiegend in den Öfen und Herdstellen der Bauernhäuser. Der Rest wird über die Ruhr nach Holland und an den Oberrhein verschifft. Das Ruhrgebiet zu jener Zeit: eine ländliche Idylle.

Um 1830 dann der Durchbruch: Der Bergbau geht steil in die Tiefe und erobert die sehr viel schwerer zugänglichen Kohleflöze der Hellwegzone. Leistungsstarke Dampfmaschinen besorgen die Entwässerung der nun gleich etagenweise angelegten Fördergänge. Der Ertrag vervielfacht sich, zudem eignet sich die örtliche Fettkohle gut für die Verkokung. Das wiederum bringt die Eisenverhüttung in Gang, bis dahin gehemmt durch die Abhängigkeit von der begrenzten und teuren Ressource Holz. 1849 geht in Essen der erste Kokshochofen in Betrieb. Das Revier startet durch.

Von Anfang an mit dabei: ausländisches Kapital. Ein Beispiel: die Zinkfabrik Altenberg in Oberhausen, 1854 auf belgische Initiative gegründet. Auch technisches Know-how kommt aus dem Ausland, besonders aus England – durch Industriespionage, Abwerbung qualifizierter Arbeitskräfte und Übersiedlung ganzer Unternehmen. Immer mehr Hüttenwerke verschlingen immer größere Mengen an Eisenerz: aus dem Sauerland, aus Lothringen, später aus Schweden und Neufundland. Die Firma Krupp unterhält eigens eine Flotte, um Erze aus Nordspanien zu importieren. Kalk kommt aus Wuppertal und Wülfrath, Nickel aus Schlesien und Neukaledonien, Graphit aus dem Bayerischen Wald.

Mitte des 19. Jahrhunderts herrscht im Ruhrgebiet die reinste Goldgräberstimmung. Industriepioniere wie Franz Haniel, Mathias Stinnes, Friedrich Krupp und Friedrich Harkort schaffen innerhalb weniger Jahre ganze Imperien. Wesentlichen Anteil daran hat die Eisenbahn, elementares Transportmittel und zugleich Großkunde für Eisen und Stahl. 1847 geht die Strecke zwischen Köln und Minden an den Start, bereits 1862 ist das gesamte Revier erschlossen. Im Gefolge der neuen Technologie entstehen überall Zechen und Hüttenwerke, meist als gemischte Betriebe, die die Kohle für ihre Hochöfen selbst fördern. Hier beginnt jene Verbundwirtschaft aus Bergbau, Eisen und Stahl, die – im weiteren Verlauf noch ergänzt um die chemische Verarbeitung – so charakteristisch für das Ruhrgebiet werden sollte.

Die Industrialisierung, ihr nie gestillter Hunger nach Arbeitskräften setzt eine bis dahin ungekannte Völkerwanderung in Gang. Essen etwa zählt 1850 rund 9.000 Einwohner, 1910 sind daraus 295.000 geworden. In der kurzen Zeit zwischen 1895 und 1913 verdoppelt das Revier seine Bevölkerung von 1,5 auf 3,3 Millionen Menschen. Die ersten Zuwanderer sind Bauern aus dem Münsterland, aus Ostwestfalen und Hessen. Danach verlagert sich das Einzugsgebiet immer weiter nach Osten. Allein zwischen 1910 und 1914 treffen bis zu 800.000 Polen und Masuren im Ruhrgebiet ein.

Die Städte drohen unter dem Ansturm zusammenzubrechen, hektischer Wildwuchs prägt das Bild, viele Menschen müssen sehen, wo sie bleiben. Mit werkseigenen Arbeitersiedlungen versuchen die Unternehmer, der Lage Herr zu werden. Sie richten Krankenkassen ein und stellen Lebensmittelläden zur Verfügung. Ihr Kalkül dabei: soziale Fürsorge gegen Wohlverhalten am Arbeitsplatz. Dennoch ist die Not groß, der Wohnungsmangel bleibt Dauerthema. Um 1900 beherbergt jede zweite Familie einen Schlafgänger – ledige junge Männer, die im boomenden Ruhrgebiet ihr Auskommen suchen und froh sind um eine billige Unterkunft. Die Arbeit in Zechen und Stahlwerken ist hart, brandgefährlich und oft genug gesundheitsschädigend, aber dafür vergleichsweise gut bezahlt. Das enge Zusammenleben „auf Schicht“ und nach Feierabend erzeugt ein starkes Gemeinschaftsgefühl, noch vertieft durch Vereine, politische Aktivitäten und Arbeitskämpfe.

Die Aufrüstung für zwei Weltkriege zementiert die traditionelle Vormachtstellung der Schwerindustrie im Ruhrgebiet und verhindert die Ansiedlung neuer Technologien – in vielerlei Hinsicht eine verhängnisvolle Entwicklung. Innovative Maßstäbe setzt das Revier zuletzt 1932 mit der gigantischen Schachtanlage XII auf dem Gelände der alteingesessenen Essener Zeche Zollverein. Sie gilt bei ihrer Eröffnung als modernste Zeche der Welt und schreibt zudem mit ihrer Bauweise aus Backstein und Stahlfachwerk Architekturgeschichte. Ihre Schließung 1986 besiegelt nach langer Krise das Ende des Monopols von Kohle und Stahl an Ruhr und Emscher.

Industrialisierung, Aufschwung, Kriegszerstörung, Wiederaufbau: Rund 150 Jahre lang lag im Ruhrgebiet das wirtschaftliche Kraftzentrum Deutschlands. Heute muß sich das Revier neu erfinden. Strukturwandel heißt das auf Neudeutsch. Am Anfang war dieser Prozeß schmerzhaft – kein Wunder angesichts Zehntausender verlorener Arbeitsplätze. Mittlerweile begreifen die Menschen ihr einzigartiges industrielles Erbe als vielversprechendes Zukunftskapital. Was anderswo Kirchen und Klöster, Burgen und Schlösser, sind hier Zechen und Gasometer, Gießereien und Stahlwerke. Sie bieten nicht nur touristische Höhepunkte, sondern auch ein attraktives Umfeld für moderne Unternehmen und bewähren sich als spektakuläre Bühnen für Kunst und Kultur. Zahllose ehrenamtliche Vereine und Bürgerinitiativen engagieren sich tagtäglich mit großem Einsatz dafür, aus den alten industriegeschichtlichen Wurzeln Neues zu schaffen. Besonders nachhaltige Aufbauarbeit leistet die von 1989 bis 1999 laufende Internationale Bauausstellung Emscher Park. Ihr Ziel: Entwurf und Umsetzung zukunftsweisender Projekte für die Emscher-Zone. Damit hilft sie gerade jener Region des Reviers auf die Sprünge, die unter den Folgen von Industrialisierung und Strukturwandel am meisten zu leiden hat. Mit Aufbrüchen dieser Art entwickelt sich das Ruhrgebiet ständig weiter und bleibt sich zugleich treu – als spannendes Experimentierfeld moderner Industriegesellschaften.

Die "Route der Industriekultur“

Die „Route der Industriekultur“, ein regionales Tourismusprojekt, erschließt das industrie- und technikgeschichtliche Erbe des Ruhrgebietes.

Das Routensystem führt auf einer ausgeschilderten, etwa 400 km langen Hauptroute zu den 25 touristisch attraktivsten Standorten der Industriekultur (den so genannten „Ankerpunkten“), zu 17 Aussichtspunkten mit Panoramablick in die Industrielandschaft und zu 13 sehenswerten Arbeitersiedlungen. Alle Ankerpunkte sind mit einem weithin sichtbaren gelben Signalobjekt ausgestattet.

Von den Ankerpunkten gehen 25 Themenrouten aus, die die Industriegeschichte des Ruhrgebietes weiter erschließen. In der Internetpräsentation und in den Druckprodukten (wie „Atlas der Industriekultur Ruhrgebiet“ sowie Themenroutenbroschüren) werden insgesamt annähernd 900 Standorte der Industriekultur vorgestellt, die das Gesamtnetzwerk bilden.

Rund 1.500 Schilder an Autobahnen und innerörtlichen Straßen weisen Besuchern aus nah und fern den Weg zu den industriekulturellen Highlights.

 

Veranstaltungskalender

Eine Übersicht über industriekulturelle Veranstaltungen in der Region erhalten Sie beim
Veranstaltungsportal industriekultur-aktuell.de >>

 

Entdeckerpass

Erkunden Sie die Route der Industriekultur mit dem Entdeckerpass. Er führt Sie zu den Ankerpunkten, den schönsten Panoramen der Industrielandschaft und den bedeutendsten Siedlungen mit Angaben zu Öffnungszeiten, Anfahrten und ÖPNV-Verbindungen sowie  Hinweisen für Menschen mit Behinderungen.
Download Entdeckerpass 2014 >>